Maries Entscheidung

Nachdem Marie die ganze Nacht mit ihm getanzt und gelacht hatte, fühlte sie sich frei und glücklich. Ihre Füße brannten, und sie zog die Schuhe aus, ging barfuß weiter durch die Straßen. Die ersten Sonnenstrahlen gaben den alten Häusern einen ganz besonderen Charme.

Einst hat sie diesen verträumten Ort geliebt, aber irgendwann wandelte Marie sich; fühlte sich von Tag zu Tag eingeengter. Seit einer gefühlten Ewigkeit führten die Leute ein Murmeltierdasein, tagein tagaus …

Der Morgen dämmerte schon, als sie beide Hand in Hand nach Hause kamen. Marie hatte ihre Maske unterwegs ins bunte Herbstlaub geworfen und wollte, dass der Wind sie ins Irgendwo bläst.

Weißt du, ich liebe das Leben. Ich bin froh so zu sein, wie ich bin.“

Du solltest jetzt ins Haus gehen,” sagte er, und küsste sie.

Ist gut, aber warte vor der Haustür.”

Dann lief sie die Treppen empor.

Als sie die Tür auf schloss, sah sie in viele freudlose Gesichter. Es waren die Gesichter ihrer Familienangehörigen. Eine Cousine saß zusammen gekauert in dem alten Sessel. Obwohl sie genauso jung war wie sie selbst, trug ihr Gesicht die Züge einer alten Frau. Aus ihren Augen funkelte der blanke Hass.

Was habt ihr, und warum sitzt ihr in der Dunkelheit? Und wie kalt es hier ist. Ihr werdet noch erfrieren unter euren Masken,” sagte Marie ohne Groll. Mitleid regte sich in ihr.

Kaltes Schweigen war die Antwort derer, die da saßen wie erstarrte Götzen. Kalt und leer auch ihre Gesichter. Marie erkannte sie, die sich nicht trauten ihr Leben zu leben. Nur starre Regeln akzeptierten. Und sie merkten nicht einmal, wie sehr sie darunter litten.

Wir wollen dich hier nicht mehr haben. Du bist eine Schande für die ganze Familie. Geh, und komme nie mehr zurück!”, zeterten sie wie aus einem Munde.

Nach einer Schweigeminute, ging Marie darauf hin ins Bad, um sich ihr Gesicht zu waschen.

Sollen sie ihr Leben leben. Ich werde es auch endlich tun, sprach sie zu sich selbst.

Dann ging sie wieder ins Wohnzimmer, um ihnen zu sagen:

Was kann ich dafür, wenn ihr nicht sehen und nicht hören könnt?” Legt endlich eure Masken ab, erst dann seid ihr frei, könnt sehen und leben.”

Schweig endlich, und gehe!”, klang es von allen Seiten.

Sie schwieg, nahm ihren Mantel und die Tasche, und lief schnell die Treppen

hinunter.

Du hast dich entschieden?”, fragte er, und legte seinen Arm um sie.

Ja, ich habe mich für mich entschieden. Sie wollten, dass ich gehe. Und

das habe ich getan. Bist du stark genug für mich?“

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Autor: Karamella

Unspektakulär

6 Kommentare zu „Maries Entscheidung“

      1. Hm, ich dachte dabei z.B. an die jeweiligen Arbeitsplätze, an Behördengänge oder besser Zwänge, sobald wir uns irgendwie „verweigern“ sitzen wir schneller als wir denken können in der Patsche. Verstehst du?

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