Die Kartenlegerin

Marsha, die eigentlich Margitta hieß, wurde in einer Walpurgisnacht im Harz gezeugt. Unter einem Apfelbaum. Kein Wunder also, dass Marsha eine spirituelle Seele hatte.

Der Schnee fiel unaufhörlich. Immer dicker wurden die Flocken. Manche sahen aus wie weiße fliegende Spinnen.

Margitta schaute auf die Uhr. Halb zehn. Es half alles nichts. Sie musste vor ihrem kleinen Laden den Schnee räumen.

Trixi, ihre siebzehnjährige Tochter, lag noch im Bett. Natürlich. Gestern war wieder Disco bis zum Morgengrauen.

Margitta band sich ein Tuch um die blonden Haare, zog eine wattierte Jacke an und machte sich auf den Weg zum Nachbarhaus. Unten im Hinterhof befand sich ihr kleiner Laden.

Zehn Minuten später schob sie die ersten Bahnen quer über den Asphalt. Günter, der Friseur stand in der offenen Ladentür. Er schaute ihr zu. „Na, Marsha, machst du klar Schiff für deine Kunden?“ Margitta lachte. „Noch bin ich Margitta, erst ab zehn bin ich die Marsha.“

Kurz vor zehn stellte sie ihre Klapptafel auf.

Marshas Karten lügen nicht

Partnerzusammenführungen

Zukunftsblicke

Darunter glänzte das Bild einer großen bunten Glaskugel.

Im Laden machte sich Margitta zurecht, sie zog eine Art weißen Bademantel an, setzte sich eine schwarze Perücke aufs blonde Haar, färbte die Augenbrauen dunkel und legte reichlich Rouge auf.

So wurde sie zur Marsha, der Wahrsagerin.

In der Ecke loderte der elektrische Kaminofen. Die Rollos blieben herunter gelassen und auf dem Tischchen brannte eine Kerze. Und genau die gleiche bunte Glaskugel, welche auf der Klapptafel zu sehen war, schillerte im Schein der Kerze.

Um halb elf bimmelte die Ladenglocke. Marsha schreckte aus einem kleinen Nickerchen hoch. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, schaute neugierig durch die Türöffnung.

„Na du“, sagte Marsha und lächelte. Das Kind erwiderte nichts, sondern guckte etwas streng. „Komm, setz dich“, lud sie Marsha ein. Das Mädchen setzte sich auf den Sessel vor dem Tischchen und baumelte mit den Beinen.

„Was machst du hier?, fragte Marsha. „Kannst du mir sagen, was ich zum Geburtstag bekomme?” Marsha stutze. „Was wünschst du dir denn?“ „Eine Mama“, das kam wie aus der Pistole geschossen. „O, hast du denn keine?“ „Nein“, sagte das Mädchen, „meine Mama ist vor zwei Jahren gestorben.“

Marsha schluckte. „Und dein Papa?“ „Der ist da, aber er hat ja keine Frau.“ Marsha überlegte nicht lange.

„Er wird vielleicht eine finden.“ „Wie denn?”, fragte das Mädchen. „Im russischen Café in der Schreinerstraße. Am kommenden Samstag. Wenn er dort zum Kaffeetrinken und Kuchen essen geht, wird vielleicht deine neue Mama da sein.“

„Wirklich?”, fragte das Mädchen. „Wirklich.“ „Versprochen?“„Ich kann dir nur ein Vielleicht versprechen.“

Die Kleine sprang von Sessel, sie strahlte plötzlich. „Was muss ich dir dafür bezahlen?”, fragte sie wieder sehr ernst. „Nichts. Das ist mein Geburtstagsgeschenk für dich“, antwortete Marsha, die schwarzhaarige Wahrsagerin. „Aber hör mal, musst du gar nicht in der Schule sein?“ „Nein, wie haben schneefrei.“

Und schon war das Mädchen verschwunden. Im Laufe des Tages trudelte die übliche Kundschaft ein. Fast nur Frauen, die sich noch einmal einen Partner wünschten. Und viele von ihnen wollten ihre Ehemänner, die sich mit jüngeren Frauen auf und davon machten, zurück haben.

So verging der Tag wie gewohnt… und ihre Kasse füllte sich. Am Abend erschien plötzlich ein Mann mittleren Alters. Ein ziemlich ungewöhnlicher Kunde.

Marsha gefiel der Spott in seinen Augen. „Was ist das eigentlich für eine Glaskugel?”, fragte er. Marsha verzog keine Mine.

„Die ist aus Petersburg, und es heißt, Dostojewski schrieb seine Romane mit dieser Kugel auf dem Tisch.“ „So, so, Dostojewski“, sagte der Mann und unterdrückte ein Lachen.

„Also ich lege Ihnen jetzt die Karten“,schlug Marsha vor. „Aber gern“, sagte der Mann.

Es ergab sich, dass die Pik Dame dem Kreuz Buben ganz nahe war, aber eine Herz Dame war auch in Sicht…

„Wann wird denn das passieren“, fragte der Mann lächelnd. „Ich denke mal am kommenden Samstag. Im russischen Cafè in der Schreinerstraße. Beim Kuchen essen und Kaffeetrinken“, antwortete Marsha und lächelte ebenfalls…

Am Abend machte Trixi sich wieder für die Disco zurecht. „Musst du nicht für deine Prüfungen lernen?”, wollte Marsha wissen. „Nein, nein, ich lerne am Sonntag. Sonntage sind eh langweilig“, erwiderte die Tochter und war schon aus der Tür.

Am Samstag machte sich Margitta hübsch zurecht. Trixi staunte. „Wo willst du denn hin?“ „Ich gehe ins russische Cafè, in die Schreinerstraße. Lerne mal schön Mathematik, meine Liebe, da hast du deine Ruhe.“

Der Schnee fiel unverdrossen. Margitta stapfte hindurch bis in die Schreinerstraße. Das Café war fast leer. Da saß sie nun in ihrer blonden Haarpracht und dem blauen Samtkleid.

Aus den Musikboxen tönte sanfte Musik. Plötzlich stand das kleine Mädchen vor ihr. Margitta bekam erst einen Schreck, die Kleine guckte so forschend. Aber sie war ja jetzt nicht die schwarzhaarige Marsha.

Die Kleine hatte an der Hand den Mann im mittleren Alter, dem sie als Marsha die Karten gelegt hatte. Er guckte auch so forschend, aber er schien sie nicht zu erkennen.

„Dürfen wir uns zu dir an den Tisch setzen?”, fragte das Mädchen. „Gern“, antwortete Margitta.

„Warum bist du allein hier“, fragte das Kind. Margitta gab sich einen Ruck…

„Ich war bei einer Wahrsagerin und die sagte, ich soll heute hierher gehen. Zum Kuchen essen und Kaffeetrinken.“ „Ah ja, eine schwarzhaarige Marsha“, er zwinkerte mit einem Auge… Margitta errötete.

In diesem Moment hörte sie hinter sich die Stimme von Trixi: „Herr Schröder, was machen Sie denn hier mit meiner Mutter?“

Margitta drehte sich um.

„Ihr kennt euch?“

„Er ist mein Mathelehrer.“

Was dann folgte…

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Autor: Karamella

Unspektakulär

2 Kommentare zu „Die Kartenlegerin“

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