Nach etlichen Ehejahren

Gerda sitzt bereits am Frühstückstisch, als ihr Gatte, der Franz, furzend in Küche kommt.

Morsche, Gerda.“

Morsche, Franz.“

Mach Franz, Kaffee wird kalt.“

Hm, komme gleich. Muss nur kurz ins Bad.“

Ein paar Minuten später nimmt auch er am Küchentisch Platz; und beginnt zu frühstücken. Beide sitzen sich nun schweigend gegenüber. Er schlürft seinen Kaffee und beißt in eine Stulle, die ihm Gerda mit ihrer selbst eingemachten Erdbeermarmelade beschmiert hat. Sie ist auch beschmiert. Um ihren verkniffenen Mund ist ein roter klebriger Marmeladenrand. Franz sieht es nicht, denn er liest Zeitung. Sie auch. Aber nur die Todesanzeigen, alles andere interessiert sie nicht. Das Zeitungsgeraschel ist wohl so eine Art Kommunikation zwischen den beiden.

Eine viertel Stunde später erhebt sich Franz, nimmt seine Tasche und geht zur Wohnungstür. Er muss noch ein Jahr arbeiten. Dann kann er in den Ruhestand gehen. Über vierzig Jahre arbeitet er nun schon in einer Spielzeugfabrik. Gerda hat in ihrem Leben nie gearbeitet. Der Franz wollte es so. Das war zu jener Zeit nicht ungewöhnlich.

Ich gehe, Gerda. Bis heute Abend.“

Ist gut Franz, bis heute Abend.“

Dann räumt Gerda den Küchentisch ab, schüttelt die Betten auf, und schlurft anschließend ins Bad. Sie wäscht sich nur die Hände, denn Besuch erwartet sie nicht. Danach holt sie sich eine große Pralinenschachtel aus dem Schrank und verschwindet mit ihr auf die Couch, um sich Serien im TV anzusehen.

Gegen 15 Uhr klingelt es an der Wohnungstür. Es ist ihre Nachbarin, die auf ein Schwätzchen vorbeischaut. Sie hat Lockenwickler im Haar und trägt eine bunte Kittelschürze. Auf ihrer Wange klebt etwas Braunes. Wahrscheinlich Schokolade, denn sie hat sich ebenfalls die Serien angesehen; dazu gehören Süßigkeiten nun mal! Sie reden fast eine Stunde angeregt über die Serien. Hochinteressant, wie die beiden Frauen finden. Als die Nachbarin wieder in ihre Wohnung geht, ist es Zeit für Gerda, ihrem Mann ein paar Stullen herzurichten. Mittag isst er immer in der Kantine. Und weil Freitag ist, bekommt er etwas „Gutes“ auf seine Brote. Kalbsleberwurst! Sie ist noch von den Pralinen satt. Die Schachtel ist leer geworden.

Pünktlich um 18 Uhr kommt der Franz nach Hause. Er ist müde, und will nur noch auf die Couch. Gerda hat immer noch den Marmeladenrand um ihren Mund; jetzt vermischt mit Pralinenresten. Und an ihren zerzausten Haaren hat sich auch nichts geändert, aber das stört keinen. Sieht ja keiner.

Gerda, vergiss mich nicht zu wecken,

falls ich einschlafe. Heute ist Freitag. Wir

dürfen auf keinen Fall Bonanza verpassen.“

Ist gut Franz, ich werde dich dann wecken.

Deine Brote sind fertig. Ich stelle sie dir auf

den Wohnzimmertisch. Dein Bier auch. Kannst

sie ja auch später beim Fernsehen essen.“

Nach kaum zehn Minuten hört Gerda das Schnarchen von ihrem Franz. Sie legt sich in den Fernsehsessel, und schaltet den Apparat ein. So gegen Mitternacht erwachen die beiden und gehen zu Bett; nicht jedoch, ohne vorher noch die Stullen zu verzehren.

Nacht Franz.“

Nacht Gerda.“

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Autor: Karamella

Unspektakulär

2 Kommentare zu „Nach etlichen Ehejahren“

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