Melinas Reise

In Hamburg angekommen stieg Melina aus dem Zug. Sie musste umsteigen.

Fahren Sie auch in den Osten?“, fragte sie eine Dame, die seltsam gekleidet war. Rüschenkleid, und auf dem Kopf einen Hut mit Federboa. Ihr Blick flackerte hysterisch.

Ja“, antwortete Melina.

Daraufhin schrie die Frau auf, und entschwand auf dem Bahnsteig in der Menge.

Ich will doch nur nach Berlin, um mit Andreas Geburtstag zu feiern. Warum dieser Aufschrei?“, fragte sich Melina.

Dann ertönte eine Durchsage aus dem Lautsprecher:

Sehr geehrte Fahrgäste, der geplante Zug nach Berlin fällt aus. Und mit 30 minütiger Verspätung wird ein Ersatzzug auf dem selben Bahnsteig bereit gestellt. Wir bitten diese Betriebsstörung zu entschuldigen!“

Okay dachte Melina. Wartete und träumte …

Dann traf der Zug ein. Merkwürdig sah dieser aus. Die Wagen glänzten matt und verrußt wie aus dem Regen kommend, die Lok quietschte wie ihre Oma, wenn sie ihren Opa beim Schnaps trinken erwischte. Die Griffe bestanden aus glitzerndem Messing.Melina stieg ein und war sehr erstaunt. Von innen sah dieser Zug aus, als käme er aus dem letzten Jahrhundert. Die alten Holzbänke, die zum Teil sogar verschnörkelt waren, überraschten sie doch sehr. Das Holz war abgewetzt wie das alter Schulbänke. An den schmalen Fenstern hingen braune Lederriemen zum Hochziehen und Herunterlassen.

Ein Mann sagte:

Dieser Zug sieht ja schlimmer aus, als die aus der DDR damals.“

Einige Männer wieherten derb wie Pferde und einer bemerkte:

Vielleicht bauen sie ja die Mauer wieder auf.“

Melina schrieb Andreas nun eine SMS, um ihm folgendes mitzuteilen:

Hallo Andreas, ich komme erst gegen 18 Uhr an. Zugausfall! Und die Schaffner hier wissen noch nicht einmal, auf welchem Gleis wir landen werden. Dieser Zug muss aus einem anderen Jahrhundert sein und ist total voll.

Dann kam so eine Art Kellner in einem schmuddeligen Jackett und mit reichlich Pomade im Haar. Wie ein italienischer Gigolo aus alten Filmen, und er bot den Fahrgästen sehr große Schaumküsse an. Melina lehnte dankend ab und fragte ihn, ob es auch Kaffee gäbe. Ja, antwortete er, da müssen Sie drei Waggons weiter vor gehen. Und Sie sollten sich beeilen, denn es stehen nur zwei Kannen zur Verfügung.

Für den ganzen Zug?“

Nein für alle Fahrgäste“, antwortet er.

Daraufhin verstummte Melina und zog los, um sich einen Kaffee zu holen.

Als sie sich durch die schmalen Gänge zwängte, in denen die Menschen wie Ölsardinen lagerten, signalisierte ihr Handy eine Nachricht von Andreas:

Hier geschehen Zeitsprünge. Erst jetzt ist deine SMS von 13:33 Uhr eingetroffen. Pass bloß auf dich auf. Zieht euch denn eine Dampflok? Das ist gar nicht so lustig, plötzlich in einem anderen Jahrhundert zu sein. Die Auskunft sagt, das die Ankunft des mittelalterlichen Zuges gegen 18:10 Uhr wäre. Auf Gleis 13. Ich sitze hier, und trinke Bier, und habe einen Zylinder auf dem Kopf. Brauchst du eine Blaskapelle?

Nein, wäre aber nett, schrieb sie ihm zurück.

Als der Zug endlich im Hafen war, sah Melina ihren Andreas schon wartend auf dem Bahnsteig stehen. Er trug einen hohen Zylinder, der sie irgendwie an einen Schornstein erinnerte. Sie stieg aus und wurde von ihm begrüßt:

Vor dem Bahnhof steht eine Kutsche für uns bereit mein Schatz.“

Draußen, am Eingang des Bahnhofs, krakeelte ein Blumenmädchen wie Eliza Doolittle. Überall standen Kutschen, knallten Peitschen, lärmten Menschen.

Andreas wies mit der Hand auf einen Schrotthaufen, der an einen Laternenpfahl gekettet war.

Hier ist dein Fahrrad, damit kannst du fahren, ich folge in der Kutsche.“

Erschrocken sah sie sich um … und erwachte…

Du solltest jetzt aufstehen, Melina.

Wir wollten doch zusammen meinen Geburtstag vorbereiten.“

Ja ja, natürlich Andreas. Wenn du wüsstest, was ich für ein Zeugs zusammen geträumt habe. Unglaublich, sage ich dir!“

War dein Traum aus einem anderen Jahrhundert?“ fragte Andreas.

Unglaublich, aber wahr. Woher weißt du das?“

Na weil ich auch in deinem Traum war. Hast du das vergessen, Melina?“

Unglaublich …

 

 

 

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Autor: Karamella

Unspektakulär

2 Kommentare zu „Melinas Reise“

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