Vom Altwerden und Altsein

Früher war es so, dass ich mir Strümpfe oder auch Socken „einbeinig stehend“ anziehen konnte, heute ist es so, dass ich mich (fast) auf den Rücken legen muss, um den *Akt zu vollziehen. Und  mal eben in die Wanne hüpfen? Paaah, nur noch mit vielfachem Ächzen und etlichen Verrenkungen schaffe ich es irgendwie, dort hinein zu kommen. Die Morgentoilette dauert heutzutage mindestens zwei Stunden, ne ne, nicht wegen Schminken oder so, nützt eh kaum noch etwas, es ist die (lahme) Merkfähigkeit, die mich solange dort festhält. Ich beginne mit dem Zähneputzen und vergesse dann total, dass es ja noch andere Teile an mir gibt, die nach einer Auffrischung schreien. Und dann geht es so weiter und weiter, und dabei vergehen locker zweidrei Stunden. Eine Demenz liegt nicht bei mir vor, also woran könnte es wohl sonst liegen? Richtig!

 

Gestern war ich beim Friseur, wollte eine andere Farbe für meine Haare, rot oder so. Aber die Friseurin riet mir ab. Sie sagte mir knallhart ins Gesicht (wohin auch sonst), dass es ab einem gewissen Alter unklug wäre, sich die Haare zu färben, es sei denn, sie würde mir sämtliche graue Haare auszupfen, aber es wäre eine Heidenarbeit, und käme deshalb auch sehr teuer für mich. Außerdem wäre nach dem Zupfen kaum noch etwas da, was es zu färben gäbe. Sie sagte es mit einem Lächeln, dass in meinen Augen aber ironisch wirkte. Sie wollte wohl einen Scherz machen. Egal, so eine Frechheit! musste ich mir nicht gefallen lassen, ich erhob mich, und verließ den Saftladen. Unverschämtheit, sagte ich zu einer Frau, die gerade dabei war, den Laden zu betreten. Erschrocken trat sie beiseite, dann ein mitleidiger Blick auf meine Person. Sie fragte mich, ob sie mir irgendwie helfen könnte, sie wäre Altenpflegerin. Unverschämtheit, so eine Unverschämtheit muss ich mir nicht gefallen lassen, dachte ich noch…

 

Ich war frustriert, und steuerte die nächste Konditorei an. Die Bedienung kam und fragte mich was wir denn gerne hätten. Jetzt wurde ich sowas von abgebrüht und zickig, und antwortete: Was wir wollen, kann ich nicht sagen, aber was ich will, ja, das kann ich Ihnen sagen, hellooo? Und das wäre? , fragte sie schnippisch zurück. Sie war übrigens auch nicht mehr die Jüngste, nur so nebenbei bemerkt. Ihren Lippenfalten und Augenringen nach zu urteilen, so um die siebzig, dachte ich gehässigerweise so für mich. Sprach es aber nicht aus, dafür sprach ich aus, dass ich zwei Stückchen Torte möchte. Eine Erdbeersahne und eine Moccasahne, könnten ruhig auf einem Teller serviert werden, erwähnte ich noch großzügig. O, na Ihren Appetit möchte ich auch haben, bemerkte sie voller Neid. Oder war es Sarkasmus? Egal, ich ließ mir meine Tortenstücke bringen, und fing an, meinen Frust zu kompensieren. Oder heißt es kompostieren? Diese modernen Ausdrücke heutzutage, herrje, ist es ein Wunder wenn *man da durcheinander kommt? Oder woran könnte es sonst liegen?

 

Auf dem Nachhauseweg sah ich eine Männergruppe, die auf einer Bank saß, und an der ich vorbei musste. Erinnerungen kamen in mir hoch! Und deshalb drehte ich mich um, kramte meinen Handspiegel aus der Tasche, um mich zu überprüfen. Es hätte ja sein können, dass an meinem Mundwinkel oder Kinn, Mocca- und Erdbeersahne klebte. Da war aber nix, dafür sah ich jede Menge … na ja, es war ein Vergrößerungsspiegel (20-fach), den ich schnell wieder einsteckte. Ich nahm also Haltung an, und stolzierte an den Männern vorbei- in Gedanken mit meinen langen Haaren von einst, voll und seidig glänzend. Doch da kam nix, kein Pfeifen, kein ohhh, kein ahhh … nix nix nix! Innerlich empört schaute ich genauer auf die Männergruppe, und durfte feststellen: Es waren Frauen!, alle mit kurzen Haaren, alle mit Hosen bekleidet, und alle grauhaarig. O mein Gott, dachte ich, es gibt doch noch eine ausgleichende Gerechtigkeit, diese Frauen, ich hätte sie knutschen können. Tat ich aber nicht, sondern schenkte ihnen ein wissendes Lächeln. Der Tag war gerettet. Diesmal lag es nicht am Alter, sondern an der fehlenden Brille, die zuhause in einem Etui ruhte… oder wo legte ich sie hin?

TADAAAAA:-)

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Autor: Karamella

Unspektakulär

4 Kommentare zu „Vom Altwerden und Altsein“

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