Friedrichs Begegnung

Friedrich lebt in einem winzigen Gartenhaus, dass nur aus einem Zimmer besteht. Mit seinem zweiflammigen Propangas Kocher kann er sich im Winter Kohlgerichte zubereiten, und im Sommer meistens nichts. Salate reichen ihm, die nebst Kohl und einigen Früchten in seinem Garten prächtig gedeihen. Seine Notdurft verrichtet er auf einem Komposthaufen, und für die Körperpflege reicht ihm Regenwasser, dass von einer Blechwanne aufgefangen wird. Regnet es mal eine Zeit lang nicht, dann macht er sich auf den Weg ins Stadtbad. Friedrich hat also alles, was er zum Leben braucht. Nur manchmal… da fehlt ihm etwas Liebe, und das ist für den menschenscheuen Friedrich ein Problem.

Jeden Abend nimmt er sich eine Flasche Rum mit ins Bett, die er bis zur Hälfte bei Kerzenlicht austrinkt. Die Kerze steht auf einem kleinen Holzbrett, dass er neben seinem Bett an der Wand befestigt hat. Er liebt es, wenn das Kerzenlicht ihm ein bizarres Lichtspiel an die Zimmerdecke zaubert. Besonders dann, wenn der Rum seine Wirkung zeigt.

An einem Freitag ändert sich sein Leben. Als er so im Bett liegt, und den Rum schlückchenweise aus der Flasche trinkt, steht plötzlich eine nackte Frau im Zimmer. Eine Frau, die irgendwie anders zu sein scheint. Sie bewegt sich sehr langsam und mit tippelnden Schritten auf Friedrichs Bett zu, und greift nach seiner Bettdecke; lässt sie zu Boden gleiten. Erstaunt fragt Friedrich diese Frau:

Wer bist du, und wo kommst du her?“

Ich bin Erotjana und komme von einem anderen Stern. Mein Chef sagte mir, dass ich genau dich heute glücklich machen soll. Er weiß alles von dir armseligen Geschöpf, das ohne Liebe lebt.

Wieso bin ich armselig? Ich lebe glücklich und zufrieden hier.“

Ja, aber dir fehlt Liebe. Vielen Erdbewohnern fehlt es an Liebe, sie vereinsamen so nach und nach. Bei uns ist das anders. Wir kennen gar keine Einsamkeit, denn wir helfen uns in jeder Lebenslage. Und wenn – das kommt auch bei uns vor, ein Mann keine Frau hat, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir aushelfen.

Mit Sex?“

Ja natürlich. Bei uns ist das nichts Verwerfliches… sondern ganz normal.“

Hm, das hört sich gut an. Wie hoch ist denn dein Stundenlohn?“

Stundenlohn? Ich bleibe solange bei dir, bis du satt bist, und dafür musst du nichts zahlen. Bei uns gibt es überhaupt kein Geld. Wozu auch? Wenn wir etwas brauchen, dann nehmen wir es uns. Na ja, manchmal tauschen wir auch; so wie ich es heute vor habe.“

Und das wäre?“

Ich gebe dir Liebe und du gibst mir deinen Propangas Kocher.“

Was willst du denn damit?“

Ich muss etwas von der Erde mitbringen, sonst bekomme ich einen Rüffel von meinem Chef, und den möchte ich mir ersparen, verstehst du Friedrich?“

Nö, nach soviel Rum verstehe kaum noch etwas. Die Flasche ist fast leer“, lallt Friedrich.

Brauchst auch nicht verstehen. Ich mache dich jetzt glücklich, nehme anschließend den Kocher, und verschwinde dann wieder, okay?“

Nö, kannst gleich verschwinden, denn in meinem Zustand geht eh nichts mehr, und der Kocher bleibt hier, okay?“

Friedrich, was redest du denn da für ein dummes Zeug?“ fragt ihn seine Frau, die plötzlich vor dem Bett steht.

Ach Käthe, ich hatte einen komischen Traum. Ich lebte alleine in einem winzigen Gartenhaus, und da erschien mir eine Prostituierte von einem fernen Planeten und sie wollte…“

Ja ja, Friedrich, sie wollte den Propangas Kocher.“

Äh, woher weißt du, das?“

Weil ich diese Frau war. Ab und zu will ich dich ja auch glücklich machen, und sei es nur im Traum; und mich natürlich auch.“

Na dann komm in mein Bettchen, du, meine Traumfrau, und lass uns gemeinsam den Traum zu Ende träumen. Gehen wir am Nachmittag ins Gartenhaus? Es ist so ein schöner Tag, den wir dort verbringen können. Was hältst du davon, Käthe?“

Viel, Friedrich, viel, aber ich muss heute wieder zurück zu meinem Planeten, sonst wird mein Chef echt sauer.“

Die leere Rumflasche liegt quer auf Friedrichs Bettdecke, als der Notarzt an sein Bett tritt. Erst in der Klinik wird Friedrich wieder wach

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Autor: Karamella

Unspektakulär

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