Monsieur Dupont und Alexandre

Monsieur Dupont lebt als Junggeselle in einem kleinen Dorf in der Normandie. Es gibt noch ein weiteres Haus in dem Dorf, dort lebt sein bester Freund Alexandre, der ebenfalls Junggeselle ist. Beide sind 68 Jahre alt, wobei Alexandre ein paar Monate jünger ist, Monate, auf die Monsieur Depont manchmal neidisch ist. Besonders dann, wenn er ein paar Calvados zu viel intus hat. Dann beneidet er ihn nicht nur wegen der paar Monate weniger, sondern auch wegen der paar Taler mehr, die sein Freund monatlich als Rente bekommt. Aber wirklich böse sind sich die beiden nie, schließlich kennen sie sich schon seit der Schulzeit.

An den Freitagen spielen sie Schach, mit Figuren, die sie vor vielen Jahren selbst schnitzten. Meist in Vollmondnächten. Sie waren sicher, dass der Mond den Figuren Leben einhauchte. Alexandre übernahm die fast weißen Figuren aus Birkenholz, und Monsieur Depont nahm für die dunklen Figuren Holz aus Walnussbaumästen.. Über drei Jahre dauerte es, bis sie mit ihren sechzehn prächtigen Figuren fertig waren, die sie zum Schluss sorgfältig mit Holzöl behandelten. Die Könige und Damen bekamen ein paar Tropfen mehr von dem Öl.

Die erste Partie spielten sie ein paar Wochen später; an einem Freitag. Und weil Alexandre lieber die weißen Figuren hatte, eröffnete er die Partie, und setzte nach ein paar Stunden den gegnerischen König matt. In jener Nacht schaute der bleiche Mond den beiden durch das Küchenfenster zu. Er sah nachdenklich aus.

Ein paar Jahre später, wieder an einem Freitag, machen sich die beiden Freunde bereit, um eine Partie zu spielen. Der Calvados steht griffbereit am Boden, und die Gläser auf kleinen Hockern, die sie neben sich platzierten. Wieder beginnt Alexandre, und wieder ist der bleiche Mond mit von der Partie. Er guckt den beiden mit einem fast schon gütigem Lächeln zu, liebt er sie doch, die beiden Freunde.

Hochkonzentriert sind sie, als plötzlich etwas geschieht, dass kaum zu glauben ist. Die Figuren beginnen ein Eigenleben. Sie hüpfen, rutschen und springen kichernd über das Spielfeld. Die beiden Freunde trauen ihren Augen nicht. Ängstlich schauen sie zum Küchenfenster, hinter dem ein großes Gesicht zu sehen ist. Ein Mondgesicht.

Alexandre, siehst du auch was ich sehe?“, fragt Monsieur Dupont ängstlich.

Was siehst du denn?“, fragt Alexandre mit leicht zitternder Stimme zurück.

Die Figuren, den Mond, und sie leben, ja, sie leben, leben, leben.

Das gibt es doch gar nicht.Was geschieht denn hier bloß?“

Nichts Besonderes. Fürchtet euch nicht. Ihr selbst wart einst doch davon überzeugt,

dass ich in der Lage bin, den materiellen Dingen auf Erden Leben einzuhauchen.

Und nun ängstigt ihr euch? Nein, ihr habt die Hosen voll“, sagte das Mondgesicht lachend, bevor es wieder verschwand, und wie es sich für einen Mond gehört, oben am Himmel

immer bleicher wurde. Die Sonne pochte auf ihre *Schicht.

Am späten Nachmittag ging Alexandre zu seinem Freund, um ihm seinenTraum zu erzählen. Als Alexandre begann, von den lebendig gewordenen Figuren zu reden, unterbrach ihn Monsieur Dupont. Er sagte:

Ach Alexandre, was redest du da? Hast du vergessen, dass ich dabei war?“

Nein, natürlich nicht. Dinge gibt es, die gibt es gar nicht. Tja, tja, tja, die gibt

es gar nicht“, antwortete Alexandre und griff zum Calvados.

Das feiern wir, mein Freund, nicht wahr?“

Ja doch, ja, das feiern wir mein Freund, schenk ein, schenk ein.“

Erst im Morgengrauen brach Alexandre auf, um nach Hause zu gehen. Ja, er wankte ein wenig, sah aber äußerst beglückt aus.

Die beiden Freunde wurden über neunzig Jahre alt, und als sie ihr Leben aushauchten, hauchten auch die Figuren ihr Leben aus. Nur manchmal, nämlich in Vollmondnächten, da hörte der Mond sie kichern.

Tja.

 

 

 

Advertisements

Autor: Karamella

Unspektakulär

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s