Der Patient

Es herrscht ein Halbdunkel in dem großen Haus.

Karla geht die Wendeltreppe hoch. Die Fenster sind bunt. Vielleicht sogar Blei verglast. Dadurch wirkt das Licht warm und wie verzaubert. Das Geländer ist glatt, schimmert dunkel braun. Hier ist alles gediegen. Ohne Zweifel sind die Leute wohlhabend. Der dicke Teppich verschluckt ihre Schritte.

Sie hält die Handtasche vor sich wie ein Schild. Irgendwo klimpert jemand auf einem Klavier.

Im ersten Stock ist ein schmales Fenster geöffnet. Ein kühler Luftzug bläst herein. Sie beugt sich vor, draußen regnet es ohne Unterlass, ein Garten voller nasser Obstbäume. Sie geht weiter.

Die alte Frau sagte, gehen Sie zwei Treppen hoch, klopfen Sie an die erste Tür links, das ist sein

Zimmer.

Die alte Frau ist seine Mutter, die Mutter des Patienten. Eine vornehme und kühl wirkende Geschäftsfrau…

Bis seine Krankheit so schlimm wurde, hatte er noch die Firma geführt. Nun führt seine Mutter sie weiter.

Die alte Frau hatte gesagt:

„Seine Frau schafft das nicht, da musste ich das übernehmen.“

Die alte Frau, die Mutter lächelte bei diesen Worten ein wenig hämisch. So herab lassend und auch triumphierend.

Karla schaute möglichst unbeteiligt drein. Solche Offenbarungen hört man besser nur mit halbem Ohr zu. Es handelt sich schließlich um eine Stadt bekannte Familie, eine vornehme Familie. Das ist schon beeindruckend. Die alte Frau ist immerhin schon Urgroßmutter. Alle wohnen in einem Haus.

Sie geht noch zwei Schritte bis zum Absatz. Plötzlich scheppert etwas und ganz hinten wird eine Tür mit einem Knall aufgestoßen. Ein vielleicht achtjähriger Junge springt heraus. Er muss mit jemanden herum getollt haben:

„O“, der Junge zeigt sich erschrocken, „wer bist denn du?“

Der Junge hat wildes struppiges Haar, rötliches – und Sommersprossen, seine Augen funkeln lustig.

„Ich bin die neue Krankenschwester.“ Karla lächelt.

„Für Opa?“ Der Junge lacht.

„Ja, ja, ich denke, ich bin für deinen Opa da.“

„Opa macht neuerdings immer Breakdance“, der Junge lacht immer noch.

„Er hat die Parkinson-Krankheit“, sagt Karla sanft.

In diesem Moment kommt eine zierliche und sehr blasse junge Frau auf den Flur. Sie fasst den Jungen an die Hand.

„Komm wieder rein“, sagt sie und zieht ihn. Aber sie muss das Gespräch gehört haben. Sie lächelt dünn und sagt zu Karla:

„Gleich die erste Tür dort, klopfen Sie“… etwas freundlicher… „Lassen Sie sich nicht von meinem Vater erschrecken“… die beiden verschwinden im Zimmer, die Tür schnappt zu.

Karla steht vor der besagten Tür. Sie klopft. Eine laute bellende Stimme:

„Wer ist da?“

Sie öffnet zaghaft die Tür.

„Ich bin die Krankenschwester.“

Der Raum ist groß, eine Bibliothek vielleicht. Die Gestalt steht am Fenster, das Licht ist trübe.

Als ihre Augen sich gewöhnt haben, sieht sie wie die Gestalt zuckt wie eine Marionette an Fäden. Geführt von einem wilden Kind.

„Wer war da draußen?“

Sie geht einen Schritt näher.

„Ihr Enkel, glaube ich.“

Die Stimme der Gestalt klingt nun klirrend. Wenn sich die Gestalt krümmt wie ein Bogen, wird sie ruhiger…

der Mann schaut sie nicht an, er schaut aus dem Fenster.

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***

»Wir können den Wind nicht ändern,

aber die Segel anders setzen.«

(Aristoteles)

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Ein misslungenes Früh-Stückchen

Früh eingeschlafen am Samstagabend, und früh erwacht am Sonntagmorgen. Eigentlich wollte ich nach dem Frühstück einen Spaziergang machen…

eigentlich.

Dann sah ich nach draußen. Trübe, und es goss in Strömen. Grau und lustlos, zeigte sich mir der Tag. Kein einziger Sonnenstrahl. Das Vogelgezwitscher klang auch nicht gerade fröhlich. Frustig … irgendwie. Sind wohl auch nicht in Hochstimmung, dachte ich.

Nichtsdestotrotz machte ich mir ein königliches Frühstück, na ja, das ist etwas übertrieben. Fürstlich? Auch übertrieben. Also gut, es war ein stinknormales Frühstück, welches ich mir aber mit königlichen Gedanken zubereitete. Königlich deshalb, weil ich mir vorstellte, es einer Königin zu servieren, nämlich…

Als es dann so auf dem Küchentisch platziert war, der Anblick des hoffentlich weichen Eies mich entzückte, der Kaffee mich mit seinem Duft betörte, und die aufgebackenen Brötchen rochen, als kämen sie frisch aus der Backstube, wollte ich eigentlich damit beginnen, es zu genießen…

eigentlich, denn mir kam da so ein Gedanke…

Sollte ich etwa? Ja ich wollte es, und trug mein Frühstück auf einem goldenen Tablett ins Schafzimmer. Stellte es auf den kleinen Tisch, der neben meinem Bett steht, den mir einst meine Oma vererbte, und zündete mir eine Kerze an…nein, es war meine kleine Lampe…

Und schwuppdiwupp, lag ich wieder im Bett. Wollte das Tablett, das gar kein goldenes, sondern ein hölzernes war, mit einem eleganten Schwung zu mir ins Bett transportieren, dass mir bei der versuchten Übernahme jedoch aus meinen zarten Händen glitt…Tja, da lag es nun, das Frühstück…

am Boden zerstört.

Und just lachte die Sonne, und mir war, als zwitscherten die Vögel voller Inbrunst den Song „O Happy dayyyy, o happy dayheyyyyy…”

Und ich? Ich sah, dass das Ei tatsächlich richtig schön weich war, das da am Boden lag. Vermischt mit heißem Kaffee, der sich über die Brötchen ergossen hatte. Und meine heißgeliebte Marmelade floss neben der kleinen Lampe so dahin…

Es war zwar nichts Weltbewegendes, was mir da passierte, aber auch nichts Alltägliches, und immerhin konnte ich bei jenem Anblick herzlich lachen, rief kurz darauf meinen lieben Nachbarn an, um ihn von meinem Mißgeschick zu berichten …

er lachte auch, und lud mich spontan zu einem Brunch ein, worauf ich mich sehr freute, denn mein Nachbar ist nicht nur ein ausgesprochen interessanter Gesprächspartner, er hat auch die Gabe, aus einem verregneten Tag einen heiteren Sonnentag zu machen…

ich freute mich auf den weiteren Tag.

 

 

 

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Zitroneneis

Meine Muse zu diesem Text war die gnadenlose Hitze der vergangenen Zeit, darum bitte locker lesen:-)))

Am Strand

Du will eine Eis esse, Amore mio?“

O, wäre schön, ist sehr heiß in Sizilien, Luciano. Aber wo gibt es hier Eis?, ich sehe nur das Meer und diesen Strand“, lacht Monika.

Schatzolina, oben in die Promenade stehe meine Freind, er abe eine Eisauto, die beste Gelato von Sizilia.“

Ach?“

Si si. Welsche Eis will du?“

Zitrone.“

Oooo Monnika, isch liebe disch, du bist meine Limonella.“

Ach?“

Si si.“

Aber du kennst mich doch gar nicht, weißt nix von mir, Luciano. Vor drei Tagen bin ich hier angekommen und habe dich in meinem Hotel getroffen, auf dem Sofa in der Lounge, ich setzte mich gedankenlos neben dich, also ohne irgendwelche Hintergedanken, war müde vom Flug und so. Am Abend dann ein wenig Smalltalk an der Bar, am nächsten Tag einen Spaziergang in Taormina und heute hier am Meer. Wie kannst du da von Liebe reden???“

Ich disch gesehen in die Otel, und buuuuuum, meine Kopf ist verrickt, isch denke nur dir, nur dir, Monnika, nur dir!“

Ach?“

Si si, meine Erz gehöre disch.

Isch dir heirate und wir macke eine scheene Lebe, du will?“

Oooo mein Goooott, du redest von Heirat???“

Si si. Isch ehrlische Män. Nix Bumbum mit jede Frau.“

Bumbum?“

Liebe in Bett, Amore mio.“

Ach?“

Si si.“

Na du gehst ja ran“, lacht sie.

Eine Kuss isch will jetzt von disch, eine rischtige Kuss“, sagt er, und beugt sich mit einer theaterreifen Pose zu ihr.

Plötzlich ertönt eine unglaublich schrille Stimme hinter ihnen…

LUCIANOOOOOOOOOOOO, BASTARDO, STRONZO, IDIOTA …!!! …“

Viele Köpfe, helle und dunkle, drehen sich um, und sehen eine kleine runde Frau … O mein Gott, woher hat ihre Stimme diese enorme Kraft, denkt Monika.

Wer ist die Frau Luciano?“

Ähhhhhh, isseeee … ähhhh … isseeee…“…

Weiteres Geschimpfe auf italienisch, dann schaltet die Frau auf deutsch um.

Die Leute lachen, besonders die Frauen.

LUCIAAANOOOO, komme soforrrrt zu mir, oder isch macke dir TOOOT, Arschlock … du denke nur Bum Bum …“…

Ist sie deine Frau???“, fragt Monika erschrocken, „du bist verheiratet?“

Bisken, nur bisken, ick swäre bei Gottt, nur bisken“, antwortet Luciano leise.

Biskääään?, kreischt die kleine temperamentvolle Frau, die sich gebärdet wie eine Tigerin. Ihre Augen schleudern Blitze. „Deine drei Bambini sind biskän? Und isch, isch biskän, häää?“

Nein, du viel“ … kuscht Luciano.

Signorina, diese isse meine Män, zuhause seine Bambinii, isch diese Män kenne viel Jahre, kapito????“

Ja, ich habe verstanden, Signora, sagt Monika, nimmt ihre Sachen um zu gehen, aber nicht ohne sich zu verabschieden.

Ciao, Luciano, machs gut.“

Ciaooo Amo … „…

HÄÄÄÄÄ????“, kreischt die kleine Frau.

Ciao Monnika“, wispert Luciano ihr kleinlaut zu …

Signora“, sagt Monika noch, „isch liebe nix deine Luciano, ich liebe überhaupt keine Männer“ …

Hä, was du sonst liebe?“

Meine Liebe heißt Verrronnika, sie wartet schon im Hotel auf mich. Ciaoooooooooo, und viel Spass beim …

BUM BUM“,

sagt sie mit einem breiten Grinsen, und geht auf dem heissen Sand Richtung Promenade zum Eisverkäufer.

Ein Zitroneneis bitte“, sagt sie zu dem ebenfalls äußerst gutaussehenden Eisverkäufer.

Subito bella Signorina“, antwortet er mit schmeichelnder Stimme, und überreicht ihr mit einem verheißungsvollen Glutblick kurz darauf einen großen Becher Eis.

Scheene Signorina, meine Name ist Gio …“…

Ja ja, und meiner ist Monnika …

und isch liebe nur Verrronnika…

Ciao ciao

Hmm, das Eis ist wirklich köstlich, morgen werde ich Vero hier hin führen, sie liebt Zitroneneis genauso wie ich, denkt Monika während sie genießt …

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Ein letztes Lächeln

Der Tag ist trübe und kühl. Die alte Frau würde gerne ein Buch lesen, aber die Zeilen verschwimmen vor ihren Augen… wie Blätter die auf einem See treiben.

Ein Blick aus dem Fenster.

Die Bäume sind schon kahl.

Leer gefegt vom Herbstwind.

Sie steht auf und geht durch die Wohnung. Die Katze liegt auf ihrem Lieblingsplatz, oben auf dem kleinen Wandschrank. Sie blinzelt verschlafen.

Regentropfen trommeln auf das Fensterbrett.

Die Frau geht ins Schlafzimmer und bleibt vor dem Schrank stehen. Sie bückt sich und zieht eine Schublade auf. Da, ein Schuhkarton mit alten Fotos…

Auf dem Bett sitzend schüttet sie ihr Leben aus.

Ein Kind mit einer großen Schultüte.

Das junge Mädchen, das sie einmal war.

Eine alte Tante, ein Onkel.

Sie lachen ihr aus vergangenen Zeiten zu.

Die Mutter, der Vater und die Geschwister.

Auf den Fotos leben sie alle noch.

Alte Schulfreundinnen, alte Liebste, fast schon vergessen. Sie schauen sie durch die Zeit an. Als würden sie noch einmal die alten Geschichten erzählen.

Wer ist das?

Die Frau stutzt…

Sie hält ein Foto in der Hand. Ein junger Mann steht da, über seiner Schulter eine Gitarre. Die Haare wirr; sein Blick wild und verträumt.

So schaute er in die Kamera.

So schaut er sie jetzt an.

Er war ihre erste Liebe.

Johannes. So hieß er.

Wie hieß er mit Nachnamen?

Sie sinnt und sinnt, bis es dämmrig wird.

Die alte Frau ist müde. Sie legt sich auf das Bett, und lauscht den Klängen der Gitarre. Johannes spielt ihr Lieblingslied…

Sie spürt noch seinen warmen Atem, bevor sie mit

einem letzten Lächeln …

geht.

 

 

 

Bildquelle: Pixabay.com

Was suchst du…

Was suchst du einsamer Wanderer,

in dieser Wüste, die wir Leben nennen?

Ich bin auf der Suche nach der Liebe

Wenn sie nicht in dir ist

wirst du sie niemals finden

Und wie finde ich die Liebe in mir?

Indem du dich ihr ganz hingibst,

in all ihrer Lust und all ihrem Schmerz

Die Liebe kennt keinen Schmerz,

die Liebe ist Schmerz

Sie ist Verzückung und Qual in einem

Und doch ist sie die Kraft

die uns am Leben hält

Folge dem Lied deines Herzens

und dem Weg deiner Seele,

so kommst du an das Ziel…

Deiner Träume

(unbekannt)