Stille

Britta werkelt am Vormittag in ihrer Küche herum, so wie jeden Tag. Regentropfen trommeln aufs Dach und gegen die Fensterscheiben. Ein Spatz, auf dessen Gefieder die Tropfen glitzern wie Perlen, hat sich auf den Sims gesetzt, und es scheint ihr, als würde er sie beim Werkeln beobachten. Dieser Gedanke erfreut sie, denn sie lebt schon seit Jahren in einer Stille, die sich damals wie ein Ungeheuer in ihre Ehe schlich, und die sie jetzt liebt.

Damals, da redeten sie viel miteinander, taten Dinge, die andere Leute nicht verstanden. Ja, sie hielten die beiden für ein verrücktes Paar, nur weil sie sich manchmal äußerst schrill kleideten, Paradiesvögel wurden sie auch genannt. Aber das interessierte sie nicht, sie lebten ihr Leben nach ihren Vorstellungen, und genossen es.

Dann, eines Tages, war alles anders. Als Thorsten von der Arbeit nach Hause kam, sagte er zu Britta:

Du, ich möchte ein neues Leben beginnen. Irgendwie ist es mir zu still geworden. Und ich möchte keine Stille, möchte Leben um mich spüren, möchte noch einmal Dinge tun, die ich in jungen Jahren tat. Verstehst du mich, Britta?“

Nein, Thorsten, ich verstehe dich nicht. Wir haben in all den Jahren doch immer Leben in unser Leben gebracht. Taten verrückte Dinge, amüsierten uns sogar noch auf Schlittschuhen unter jungen Leuten auf den Eisbahnen, waren auf Open Air-Konzerte, haben Nächte durchtanzt in Discos, in denen wir als Gruftis angesehen wurden, wofür uns die Jugend bewundert hat. Hast du all das vergessen?“

Nein Britta, ich habe es nicht vergessen, und genau deshalb ist es mir zu still geworden. Irgendwie haben wir uns auseinander gelebt. Irgendwann haben wir uns nicht mehr so richtig beachtet. Ich weiß auch nicht, wie es geschah. Du auch nicht. Vielleicht ist es ganz normal, dass sich Ehepaare nach so vielen Jahren nichts mehr zu sagen haben, Britta. So, wie wir jetzt.“

Kann schon sein“, antwortete Britta. In ihrem Innersten erkannte sie diese Wahrheit. Sie kannte auch Ehepaare, die nur noch nebeneinander leben, und der Gedanke gefiel ihr ebenfalls nicht, er machte ihr sogar angst.

Nein, dann lieber Stille“, waren ihre letzten Worte an Thorsten.

Er packte daraufhin seine Sachen und verschwand, nicht ohne ihr zuvor einen Kuss auf die Stirn zu geben.

Ein Jahr später

Thorsten sitzt auf einer rosa Couch, neben ihm eine junge Frau, die ihm nur noch auf die Nerven geht. Sie will sich amüsieren, will tanzen, will reisen, will immer Action.

Ich bin zu alt, und war ein Idiot zu glauben, dass das Alter an mir vorüber geht, denkt er, und sieht Jessica aus müden Augen an. Ihr Blick sagt ihm alles …

Stille.

Advertisements

Fremde Fehler beurteilen wir wie Staatsanwälte,

die eigenen wie Verteidiger.

 

(unbekannt)

Brief aus der Hölle

Als Eva dabei ist ihr Wohnzimmer zu putzen, flattert durch die offene Balkontür ein Rabe, der einen Brief im Schnabel hat. Er lässt ihn zu Boden fallen, und flattert wieder von dannen. Eva hebt ihn auf und schaut verwundert drauf. Mit zittrigen Händen bricht sie das rote Siegel und beginnt zu lesen …

Liebe Eva,

ich bin nun schon sieben Jahre an einem Ort, den die Menschen Hölle nennen. Du, und die ist so ganz anders, als gläubige Menschen sie sich immer vorstellen. Es gibt weder ein Höllenfeuer, noch sonstige Qualen, die man hier erleiden muss. Na gut, eine schon. Hier gibt es keinen Sex!

Aber ansonsten wird hier getanzt, gelacht und bestens gespeist. Besonders das Fleisch ist hier vom Allerfeinsten. Also kein Billigfleisch oder so, sondern nur solches, dass von glücklichen Tieren stammt. Massentierhalter sind hier übrigens zahlreich vertreten., aber darüber wirst du dich nicht wundern.

Übrigens ist hier auch die Trulla, also die Marie, die Du nie leiden konntest. Kein Wunder, liebste Eva, denn ich hatte mit ihr einen Sex, den sich kein Mann vorstellen kann. Nicht einmal ihr eigener! Ja, jetzt kann ich es zugeben, denn was habe ich noch zu verlieren? Ach so, und der David ist auch hier. Weißt schon, der Pfarrer. Mit dem scheinst Du Dich ja prächtig amüsiert zu haben. Hast es mit ihm neben der Orgel getrieben; ihr habt sozusagen auf dem Boden georgelt. Ja, ich weiß alles. Du warst dabei, ein Lied für die Kirchengemeinde zu üben, als dich der David dabei unterbrach. Egal, er ist jedenfalls immer noch von Dir begeistert. Seine Augen leuchten wie Glühwürmchen, wenn er von Dir spricht. Eva, hier reden wir alle ganz offen miteinander. Keine Lügen und keine Heucheleien kommen aus unseren Mündern. Selbst die Politiker lügen hier nicht. Nicht einmal der Erich; weißt schon welchen ich meine.

Wenn ich da so ans Erdenleben denke, dann kräuseln sich meine Nackenhaare, so verlogen wie wir waren. Aber das ist nun „Gott sei Dank“ Geschichte. Wir alle werden nicht für die Ewigkeit in der Hölle bleiben, sondern nur solange, bis wir gelernt haben, unsere auf Erden gemachten Fehler einzusehen. Wie, das bleibt jedem selbst überlassen. Hier gibt es weder Moralisten noch Heuchler. Mal ehrlich liebste Eva, haben wir nicht alle irgendwann einmal gesündigt auf Erden?

Der werfe den ersten Stein.

Dieser Satz tönt ununterbrochen aus
den Lautsprechern der Nachbarschaft.
Da sind die Menschen, die nicht bereit
sind, an ihren Fehlern zu arbeiten.
Sie befinden sich noch in einer Zwischenstation.

Wenn unsere Zeit hier abgelaufen ist, dann bestimmt der Herr wie es mit uns weiter gehen wird. Und wir dürfen mitbestimmen.

Wahrscheinlich werden wir, so hörte ich, wieder auf die Erde kommen. Allerdings in einer anderen Gestalt. Wenn es tatsächlich so ist, dann bitte ich den Herrn, mich auf eine Insel zu schicken, auf der die schönsten Frauen leben; nach Möglichkeit sollten viele Frauen dabei sein, die mir zu Füßen liegen. Habe schließlich lange genug hier ohne Sex leben müssen! Und ich möchte aussehen wie ein Adonis. Ich denke, dass ER es verstehen wird. Ist mein Wunsch unbescheiden, liebe Eva?

Meine Herzallerliebste, es wird nicht mehr lange dauern, und dann wirst Du auch hier sein. Das habe ich heute an der „Tafel“ gelesen. Wir werden uns dann allerdings mit anderen Augen sehen. Nämlich mit Augen, die nicht blind vor Liebe sind.

Bis bald, liebe Eva
Dein Adam

Ein neuer Tag

Wenn in den Wäldern die Bäume erwachen

erst müd ihre Äste entfalten,

die Sonne beginnt schon zaghaft zu lachen

kann nichts den neuen Tag aufhalten.

 

Wenn neue Blumen die Köpfe erheben

Gräser ihr sattes Grün jetzt zeigen,

Nebel in ganz fremde Welten entschweben

hüllt die schwarze Nacht sich in Schweigen.

 

Wenn das letzte Grau nun verblichen ist

müssen Schmetterlinge erscheinen,

wenn die Sonne freudvoll den Himmel küsst

können Engel vor Glück nur weinen.

 

Es ist ein Reigen aus Liebe, Freud und Leid

aus Armut, Reichtum und Vergehen,

Leben nimmt seine Rechte zu jeglicher Zeit…

 
wir suchen dankbar zu verstehen

die Welt ist weit, scheint unendlich weit.

Hamburg – Marseille/ Flug Nr. : oo7

Mit schlotternden Knien steigt Serafina in den Flieger, der sie von Hamburg nach Marseille bringen soll. Sie guckt auf ihr Ticket, Platz Nr. 82 ist es, Economy Class steht da noch unter anderem. Es ist in ihrem Leben das vierte Mal, dass sie sich traut, sich von so einem Coloss fast zweitausend Kilometer Luftlinie durch das Himmelblau tragen zu lassen. Serafina ist entzückt über ihren Mut.

Sie verstaut ihre Sachen und nimmt Platz. Neben ihr sitzt ein älterer Herr, der sie freundlich begrüsst. Serafina antwortet mit einem schiefen Lächeln…

Kurze Zeit später erfolgt die übliche Begrüßung des Piloten, und dann geht es los.

Start

Serafina umklammert immer noch mit beiden Händen die Armlehnen, während die Flugbegleiterin (beschwingt) die üblichen Sicherheitshinweise aufsagt.

Sie sind bereits oben

Haben Sie Angst, junge Frau?“, fragt sie der ältere Herr, der neben ihr sitzt. „Ich glaube, die Angst in Ihrem Gesicht zu lesen, junges Fräulein.”

Ja, und wie, wenn sie wüssten was ich hier durchmache, dann…“ antwortet Serafina.

Junge Frau, das Gefährlichste am Fliegen ist der Weg zum Flughafen“, antwortet der Mann in einem beruhigenden Ton.

Als er sieht, dass sich Serafina daraufhin zu entspannen beginnt, überlegt sich der nette Herr etwas anderes.

Obwohl, Start und Landung sind nicht ohne, oder auch die Turbulenzen und…“

Ja ja, hören Sie bitte auf“, sagt Serafina.

Ach Sie müssen keine Angst haben, junge Frau. Fliegen ist sicher. „Obwohl“, sagt er, und schielt dabei auf seine Nachbarin, „obwohl, ich überlege gerade was wäre, wenn der Pilot plötzlich durchdreht, und er an seinem Cockpit herumfummelt, wir merklich sinken und sinken, und …“ …

Hören Sie bitte auf damit!“, sagt Serafina, die kurz vorm Hyperventilieren ist. Dann entspannt sie sich auf seltsame Art, lehnt sich zurück, und bestellt beim Service eine Cola mit Eis.

Fliegen Sie als Touristin oder besuchen Sie Freunde oder Verwandte in Marseille?“, fragt der nette Herr.

Ich besuche meine Nichte, sie studiert in Aix Marseille“, antwortet Serafina leicht genervt. Mit einer Serviette reibt sie sich ihre Handflächen trocken.

Oh wie nett, da wird sich Ihre Nichte sicher freuen, nicht wahr?“

Denke ich auch“.

Eine seltsame Atmosphäre hier, finden Sie nicht auch? Irgendwie nehme ich auch die Ängste der andereren Passagiere wahr, es sind Todesängste! Kein Wunder, es riecht komisch hier, so nach Rauch. Wir werden doch wohl nicht in einem brennenden Flugzeug sitzen? Wäre fatal, wenn Ihre wartende Nichte umsonst am Flughafen stehen würde, während wir in einem brennenden Flugzeug kauern, und unserer Körper schon nach gegrilltem Fleisch aussehen … Oh, ich glaube jetzt ist es soweit … wir stürzen, wir stürzen, wir brennen, brennen …“…

Seelenruhig greift Serafina nach ihrem Glas Cola und schüttet es dem netten Herrn samt Eiswürfel über seinen Schädel und sagt laut und deutlich zu ihm:

Halten Sie endlich Ihre gottverdammte Fresse!“

Tosender Applaus für Serafina. Die Fluggäste in ihrer Nähe sind begeistert von ihrer Reaktion, und kurz darauf folgt eine sanfte Landung…